Traditionsmedien – die Montanindustrie des nächsten Jahrzehnts
19. Juli 2008
Die Businessmodelle traditioneller Medien geraten immer mehr unter Druck, und das spüren nun auch die Beschäftigten
Schauen wir zur Abwechslung mal zurück, statt nach vorn. Dass neue Medien den alten das Leben schwer machen, haben wir auch hier schon behandelt. Aber was das konkret für eine einstmals stolze Industrie und ihre Beschäftigten bedeutet, zeigen eindrucksvoll die „paper cuts„, eine Google-Map-Anwendung, in der mal nicht Restaurants oder die Geschäfte aus der Nachbarschaft verzeichnet sind, sondern – Entlassungen.
6402 Entlassene bei US-amerikanischen Zeitungen werden für das Jahr 2008 bisher verzeichnet. Allein 650 Entlassungen bei drei Zeitungen aus Florida, aber auch über 100 bei der Washington Post und knapp 500 bei der Los Angeles Times. Und das sind nur die durch die Verlage exakt spezifizierten Zahlen – die Dunkelziffer der nicht mengenmäßig auf den Punkt gebrachten Entlassungen kommt hinzu.
Erst die Tageszeitungen, dann Special-Interest und Fachverlage, TV-Networks – ich bin fest davon überzeugt, dass die Traditionsmedien zur Montanindustrie des nächsten Jahrzehnts werden. Ja, es gibt sie noch, die Autoinserenten in der Tageszeitung – aber wie lange noch? Wie lange werden Immobilienanbieter, Stellenangebote und selbst Todesanzeigen einen nennenswerten Beitrag zu den Anzeigenerlösen der Tageszeitung leisten? Auf der Vertriebsseite: Wie hoch ist der Anteil der unter 40 Jährigen Abonnenten Ihrer örtlichen Tageszeitung?
Schon spielt Wired die Idee durch, dass Google doch Associated Press kaufen sollte. Und argumentiert: Schon heute macht AP mit den Tradtionsmedien Tageszeitung und Fernsehen nur noch 45% seines Umsatzes. Zwar seien diese Medien heute mehr den je auf die Zulieferung durch den Dienst angewiesen – aber seine Leistung sei ein wenig wie „Drogen an einen Krebskranken im Endstadium“ zu verkaufen.
Übrigens: Die rund 1500 Eigentümer von AP, die etablierten Zeitungshäsuer der USA, stehen gerade mal für 27% des Umsatzes von Associated Press, so das Wall Street Journal. (beide Fundstellen aus Cyberjournalist).
Warum aus meiner Sicht die Tageszeitungen nur die traurigen Pioniere auf dem steinigen Weg des Medienumbruchs sind? Bei ihnen ist am offensichtlichsten, wie sich wirtschaftliche Grundlagen und Nutzerverhalten verändern. Aber z.B. Special-Interest-Publikationen? Sie leben nun einmal davon, dass sie das spezielle Interesse eines Nutzers befriedigen. Aber als Aquarianer habe ich vielleicht jetzt ein Interesse an Schmetterlingsfischen – das Monatsblatt schweigt sich jedoch dazu aus. Im Internet hingegen werde ich (mal mehr, mal minder qualifiziert) fündig. Finde hunderte von Fotos, ja sogar ein paar (meist mittelmäßige, aber immerhin) Videos.
Noch binden die meisten Verlage ihre Inserenten – aber sie sollten sich schnell überlegen, wie sie Ihre Erlöse so investieren, dass sie damit auch küntig die Interessen ihrer Nutzer befriedigen und ihre Aufmerksamkeit fesseln. Inserenten zahlen für Zielgruppenzugang – wer auch immer ihn bietet.
Übrigens: Es gibt ja auch Montanunternehmen, die sich dem Wandel der Zeiten angepasst haben und mittlerweile in einer Vielzahl anderer oder flankierender Geschäftsfelder ihr Geld verdienen. So wird es auch mit vielen Medienkonzernen kommen. Die Kumpels jedoch mussten umschulen – und so werden es viele Medienmacher tun müssen…
Entry Filed under: Basics, Markt und Zahlen. Schlagworte: Geschäftsmodelle Medien, Medienumbruch, Stellenabbau, Zeitungssterben.
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1. Sag den GelbenSeiten leise servus « Videowerber’s Weblog | 30. Juli 2008 at 13:19
[...] bereitet den Verlegern von Tageszeitungen große Probleme (siehe auch meinen Beitrag Montanindustrie). Seit 2001 ist die Hälfte des milliardenschweren Budgets für Auto- und Stellenanzeigen ins [...]